Physical AI: Vom Labor in die Halle
Physical AI - also Künstliche Intelligenz, die über vorprogrammierte Abläufe hinaus autonom in der physischen Welt agiert - wird von der Industrie zunehmend als strategischer Hebel bewertet. Eine am 18. April veröffentlichte Studie des Capgemini Research Institute mit dem Titel "Physical AI: Taking human-robot collaboration to the next level" liefert dazu erstmals breit angelegte Daten. Befragt wurden 1.678 Führungskräfte aus Unternehmen mit mehr als einer Milliarde US-Dollar Jahresumsatz in 16 Ländern und 15 Branchen. 1Capgemini Research Institute: Physical AI – Taking human-robot collaboration to the next level (Studie, April 2026)
Das Ergebnis: 60 Prozent der befragten Führungskräfte sind überzeugt, dass Physical AI Robotikanwendungen ermöglicht, die bisher unwirtschaftlich oder unpraktikabel waren. 1Capgemini Research Institute: Physical AI – Taking human-robot collaboration to the next level (Studie, April 2026) Die Zustimmung variiert nach Branche erheblich - im Hightech-Sektor sehen 93 Prozent Physical AI als grundlegenden Wandel, in Lagerhaltung und Logistik 69 Prozent, in der Landwirtschaft 59 Prozent.
Reindustrialisierung als Treiber
Bemerkenswert ist die Verbindung zwischen Physical AI und dem Thema Reindustrialisierung. 43 Prozent der Führungskräfte geben an, dass Reshoring und der Aufbau heimischer Produktionskapazitäten ihr Interesse an Physical AI als Instrument für skalierbare Inlandsproduktion verstärken. 1Capgemini Research Institute: Physical AI – Taking human-robot collaboration to the next level (Studie, April 2026) Zwei Drittel der Unternehmen räumen Physical AI eine hohe Priorität in ihrer Automatisierungsagenda für die nächsten drei bis fünf Jahre ein.
Als zentraler Investitionstreiber erweist sich dabei nicht primär der Kostendruck - sondern der Fachkräftemangel. Besonders ausgeprägt ist dieser Faktor in Lagerhaltung und Logistik, der Automobilbranche und der Landwirtschaft. Peter Fintl, Vice President Technology & Innovation bei Capgemini Engineering, benennt den Paradigmenwechsel: KI ermögliche es Systemen nun, "nicht nur die Welt zu sehen, sondern sie zu verstehen sowie adaptiv und autonom zu handeln" 1Capgemini Research Institute: Physical AI – Taking human-robot collaboration to the next level (Studie, April 2026).
Praxis: Autonome Roboter im Gebäudebetrieb
Dass Physical AI nicht nur eine Studienperspektive ist, zeigt ein konkretes Beispiel aus Bottrop. Im modernisierten Bauknecht Quartier fährt seit dem 16. April ein autonomer Reinigungsroboter selbstständig mit Schindler-Aufzügen durch fünf Etagen. Der Roboter reinigt rund 1.200 Quadratmeter Allgemeinflächen vollständig autonom - inklusive eigenständigem Rufen der Aufzüge und Etagenwechsel über die Schnittstelle "Robot Building Logistics", Teil der Schindler-CoLab-Plattform. 2Schindler Deutschland: Reinigungsroboter nutzt erstmals selbstständig Schindler Aufzüge im Bauknecht-Quartier Bottrop Zwei weitere KI-gesteuerte Roboter sind im Außenbereich im Einsatz.
Das Beispiel illustriert einen Trend, der sich von der industriellen Fertigung auf Immobilien- und Gebäudewirtschaft ausweitet: Roboter, die nicht mehr auf eine einzige Ebene oder einen abgesperrten Bereich beschränkt sind, sondern sich über Schnittstellen mit der Gebäudeinfrastruktur autonom bewegen. Schindler verfügt nach eigenen Angaben bereits über Referenzprojekte in Hotels und Krankenhäusern in der Schweiz und setzt mit Schindler R.I.S.E einen Installationsroboter für Schachtarbeiten ein 2Schindler Deutschland: Reinigungsroboter nutzt erstmals selbstständig Schindler Aufzüge im Bauknecht-Quartier Bottrop.
Die Skalierungslücke bleibt das Kernproblem
Trotz des Optimismus bleibt die Kluft zwischen Pilotphase und breiter Implementierung erheblich. Lediglich 4 Prozent der befragten Unternehmen operieren laut Capgemini bereits im großen Maßstab mit Physical AI, obwohl fast zwei Drittel den Sprung zur breiten Implementierung innerhalb von fünf Jahren erwarten. 1Capgemini Research Institute: Physical AI – Taking human-robot collaboration to the next level (Studie, April 2026) Für knapp acht von zehn Führungskräften bleibt die Skalierung eine zentrale Herausforderung.
Eine aktuelle Bitkom-Befragung unter 555 deutschen Industrieunternehmen bestätigt diese Diskrepanz: 97 Prozent setzen mindestens eine Industrie-4.0-Anwendung ein, doch 46 Prozent sehen sich beim KI-Einsatz als Nachzügler oder abgeschlagen. 3Bitkom: Humanoide Roboter, KI & Co. – Die digitale Transformation der Industrie geht in die nächste Runde (April 2026) Die Herausforderung liegt weniger in der Grundtechnologie als in der Integration in bestehende Prozesse, der Dateninfrastruktur und den Qualifizierungsanforderungen.
Humanoide Roboter: Interesse ja, Reife nein
Die Capgemini-Studie differenziert klar zwischen kurzfristig skalierbaren und langfristig relevanten Robotikformen. Mehr als die Hälfte der Befragten sieht autonome mobile Roboter, Industrieroboterarme und Cobots als die am schnellsten wachsenden Segmente - deutlich vor humanoiden Robotern.
72 Prozent der Führungskräfte nennen technologische Unreife als größtes Hemmnis für humanoide Roboter, 63 Prozent hohe Kosten und mehr als 60 Prozent einen unklaren Return on Investment. 1Capgemini Research Institute: Physical AI – Taking human-robot collaboration to the next level (Studie, April 2026) Auch die Bitkom-Befragung spiegelt diese Ambivalenz: 64 Prozent der deutschen Industrieunternehmen glauben zwar, dass humanoide Roboter die Industrie produktiver machen - doch operativ bleibt der Einsatz eine Perspektive für die zweite Hälfte des Jahrzehnts 3Bitkom: Humanoide Roboter, KI & Co. – Die digitale Transformation der Industrie geht in die nächste Runde (April 2026).
Einordnung und Ausblick
Die Capgemini-Daten fügen sich in ein Bild, das auch andere Signale bestätigen. Wie in unserer Analyse der Bain-Studie zur Wertschöpfungsverschiebung in der Automatisierung dargelegt, wächst der KI-basierte Anteil am Automatisierungsmarkt schnell - bis 2030 könnten laut Bain nahezu 50 Prozent der Branchenumsätze auf KI-basierten Angeboten beruhen. 4Bain & Company: KI verschiebt die Wertschöpfung in der industriellen Automatisierung (Industrieblatt-Analyse, April 2026) Gleichzeitig zeigt Chinas Patentaktivität, dass die technologischen Bausteine - von Echtzeitüberwachung bis datengetriebener Liniensteuerung - dort bereits systematisch abgesichert werden.
Für deutsche Industrieunternehmen ergibt sich eine doppelte Aufgabe: Erstens den Einsatz bewährter Robotikformen - mobile Plattformen, Cobots, automatisierte Transportsysteme - mit KI-Fähigkeiten aufzuwerten und in bestehende Produktions- und Logistikprozesse zu integrieren. Zweitens die Daten- und Schnittstelleninfrastruktur aufzubauen, die autonomes Handeln über einzelne Zellen oder Bereiche hinaus ermöglicht - wie das Bottroper Beispiel auf Gebäudeebene zeigt. Die Hannover Messe, die in der kommenden Woche startet, wird Aufschluss darüber geben, wie weit die Branche auf diesem Weg bereits ist.
Bild: Gabriele Malaspina / Unsplash

