Kohäsionspolitik als Finanzierungssäule des TEN-T
Die Europäische Kommission hat neue Daten zur Förderung des transeuropäischen Verkehrsnetzes (TEN-T) aus der Kohäsionspolitik veröffentlicht. In der laufenden Förderperiode 2021-2027 fließen insgesamt 32,5 Milliarden Euro in TEN-T-Projekte, davon 25,3 Milliarden Euro aus EU-Mitteln. 1Cohesion Policy supports the trans-European network for transport (TEN-T) Diese Mittel stammen aus dem Kohäsionsfonds (CF) und dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und ergänzen die 25,8 Milliarden Euro, die über die Connecting Europe Facility (CEF) für Verkehrsinfrastruktur bereitstehen. 2Transport infrastructure – Connecting Europe Facility (CEF)
Ziel ist es, Mobilitätsunterschiede zwischen den Regionen abzubauen, das TEN-T-Netz zu vervollständigen und zugleich die grüne und digitale Transformation des Verkehrssektors voranzutreiben. 1Cohesion Policy supports the trans-European network for transport (TEN-T) Für die produzierende Industrie in Europa ist die Qualität der Verkehrsinfrastruktur ein harter Standortfaktor: Zuverlässige Schienen- und Straßenverbindungen bestimmen Lieferzeiten, Logistikkosten und damit die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Wertschöpfungsketten.
Neue TEN-T-Verordnung: Drei Fristen, neun Korridore
Mit der im Juli 2024 in Kraft getretenen Verordnung (EU) 2024/1679 hat die EU den regulatorischen Rahmen für das Netz grundlegend überarbeitet. Das Kernnetz soll bis 2030, das erweiterte Kernnetz bis 2040 und das Gesamtnetz bis 2050 fertiggestellt werden. 3Regulation (EU) 2024/1679 – Union guidelines for the development of the trans-European transport network Die Verordnung definiert zudem neun europäische Transportkorridore, die die wichtigsten Langstreckenrouten des Binnenmarkts abbilden.
Deutschland ist damit Drehscheibe des europäischen Güter- und Personenverkehrs. Projekte wie der Fehmarnbelt-Tunnel (Korridor Skandinavien-Mittelmeer) oder die Anbindung an den Brenner-Basistunnel (Korridor Nordsee-Rhein-Mittelmeer) haben direkte Auswirkungen auf die Transitlogistik und die Hinterlandanbindung deutscher Häfen und Produktionsstandorte. 4BMV – The trans-European transport network (TEN-T)
Rechnungshof: 2030-Frist "wird zweifellos verfehlt"
Doch die Realität der Umsetzung dämpft die politische Ambition erheblich. Der Europäische Rechnungshof (ECA) hat im Sonderbericht 02/2026 acht TEN-T-Megaprojekte erneut untersucht - vier davon Schienenprojekte - und kommt zu einem klaren Urteil: Die Fertigstellung des Kernnetzes bis 2030 ist "zweifellos nicht zu erreichen". 5ECA Special Report 02/2026: EU transport infrastructure – Further delays and some cost increases
Die Prüfer stellten bei den acht untersuchten Projekten im Vergleich zu den ursprünglichen Kostenschätzungen reale Kostensteigerungen von 47 Prozent fest - eine Zahl, die sich seit dem Vorgängerbericht von 2020 weiter verschlechtert hat. 6Key EU transport network projects set to miss 2030 targets Die Ursachen sind strukturell: unerwartete Projektkomplexität, Planungsverzögerungen, Genehmigungsverfahren und Kostensteigerungen bei Baumaterialien.
Besonders auffällig: Die Strecke Lyon-Turin verzeichnet eine reale Kostensteigerung von 127 Prozent gegenüber den ursprünglichen Schätzungen, der Fehmarnbelt-Tunnel liegt bei plus 52 Prozent, der Brenner-Basistunnel bei plus 40 Prozent. 7TEN-T Under Pressure: Why Europe's Flagship Rail Project Won't Meet the Deadline Der ECA betont allerdings, dass die überarbeitete TEN-T-Verordnung mit der neuen Governance-Struktur - insbesondere den European Transport Corridors - einen verbesserten Rahmen für die Zukunft schaffe. 5ECA Special Report 02/2026: EU transport infrastructure – Further delays and some cost increases
Auswirkungen auf Industrie und Logistik
Für Produktionsleiter, Einkäufer und Logistikplaner hat die verzögerte Netzfertigstellung konkrete operative Folgen. Engpässe auf grenzüberschreitenden Schienenverbindungen zwingen Verlader weiterhin auf die Straße - mit höheren Kosten und steigender CO₂-Belastung. Die politisch gewollte Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene stößt damit an infrastrukturelle Grenzen.
Allein über die CEF wurden seit 2014 fast 1.300 Projekte im Verkehrssektor mit insgesamt 29,4 Milliarden Euro gefördert. 2Transport infrastructure – Connecting Europe Facility (CEF) Die Mittel fließen, doch sie treffen auf eine Umsetzungsrealität, die von Planungsrecht, nationalen Genehmigungshürden und Baupreisinflation geprägt ist. Dass die EU mit der Verordnung 2024/1679 eine Zwischenfrist 2040 für das erweiterte Kernnetz eingeführt hat, ist auch als Reaktion auf diese Erfahrungen zu werten - und als Versuch, den politischen Druck aufrechtzuerhalten, ohne unerreichbare Ziele formal fortschreiben zu müssen. 3Regulation (EU) 2024/1679 – Union guidelines for the development of the trans-European transport network
Ausblick: Nächster MFF entscheidet über Finanzierungsniveau
Die entscheidende Weichenstellung steht mit dem nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen (MFF) 2028-2034 bevor. Es wird der erste vollständige Sieben-Jahres-Haushalt sein, der unter der revidierten TEN-T-Verordnung umgesetzt wird - in einem geopolitischen Kontext, der durch den Krieg in der Ukraine und wachsende Sicherheitsanforderungen an der EU-Außengrenze geprägt ist. 8Investing in Transport in the new MFF (2028–2034) Die Frage, ob die Transportinfrastruktur im Wettbewerb mit Verteidigung, Digitalisierung und Klimapolitik ausreichend Mittel erhält, ist offen.
Für die deutsche Industrie bleibt das TEN-T ein strategisches Thema. Die Korridore durch Deutschland bestimmen, wie schnell Vorprodukte aus Osteuropa die Werke erreichen, wie effizient der Containerverkehr vom Hamburger Hafen ins Binnenland gelangt und ob der Schienengüterverkehr tatsächlich als Alternative zum Lkw funktioniert. Ob die neue Governance diese Defizite beheben kann, wird sich in den kommenden Jahren an der konkreten Umsetzung messen lassen müssen.
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